Interview mit Dr. Bruno Gransche vom Fraunhofer ISI

Der Technikphilosoph Dr. Bruno Gransche vom Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) im Interview zur Mensch-Technik-Interaktion

05. April 2016, Potsdam

Dr. Bruno Gransche© Bruno Gransche

Was fasziniert Sie an dem Forschungsfeld der Mensch-Technik-Interaktion besonders? Antworten Sie mit einem Satz.

Die besondere Perspektive des Forschungsfeldes Mensch-Technik-Interaktion ist faszinierend, weil sie Erkenntnisse aus oft unverbundenen Disziplinen zusammenbringt und so bspw. Einsichten der Technikphilosophie in die tatsächliche Gestaltung soziotechnischer Lösungen einbindet, die dann einen wirklichen Gewinn für die Menschen darstellen.

Woran forschen/arbeiten Sie gerade im Bereich der Mensch-Technik-Interaktion?

Als Technikphilosoph und Zukunftsforscher bin ich sehr breit und grundlegend am Wandel von Mensch-Technik-Verhältnissen interessiert. Aktuell beschäftige ich mich u.a. mit Kompetenzeffekten; also wie welche Kompetenzen beim Interagieren mit komplexen Systemen entstehen und  schwinden. Wie können z. B. kompetenzorientierte statt bloß komfortorientierte zukünftige Assistenzsysteme gestaltet werden, um nicht gesellschaftlich relevante Kompetenzen – wie z. B. Lesen und Schreiben – eines Tages ungewollt „wegassistiert“ zu haben? Ein weiterer Fokus liegt auf dem wechselseitigen Beeinflussungsverhältnis von Technik und Kulturtechniken: Werden und sollten wir personalisierte lernfähige Serviceroboter künftig grüßen? Oder: Wie lassen sich sozialsensible, höfliche technische Assistenten gestalten?

Welche Innovationen der Mensch-Technik-Interaktion nutzen Sie persönlich?

Den Hauptkontakt habe ich wohl beruflich zu verschiedenen Services über das Smartphone, obwohl ich insgesamt sehr zurückhaltend mit deren Nutzung wie überhaupt mit der Nutzung des Handys bin. Das hat datenbezogene wie kulturtechnische Gründe; Handys und ihre fast universalen Dienstbarkeitsverheißungen sind geradezu zum Fetisch geworden. Ich habe mich einmal, als ich das Smartphone neu hatte, bei der sprachgesteuerten Zeitabfrage reflexhaft für die entsprechende Auskunft bei Siri bedankt – ein irritierender und aufschlussreicher Moment. Daneben habe ich regelmäßig mit diversen Fahrassistenzsystemen zu tun und habe meinem Haushaltsroboter in einer Art Selbstversuch einen Namen gegeben – bislang allerdings ohne deshalb zu ihm ein personalisiertes Verhältnis aufgebaut zu haben: Wir grüßen uns kaum.

Welche sozialen und technologischen Innovationen braucht unsere Gesellschaft im Jahr 2050?

Wir brauchen vor allem ein Zusammenspiel aus technologischen Innovationen, die die Menschen wirklich brauchen, und sozialen Praktiken, die Nutzenpotenziale eröffnen und dabei Risiken, auch indirekte und sehr langfristige, eindämmen. Tendenziell halte ich technische Innovationen für aussichtsreich, die menschliche soziale Kompetenzen sinnvoll ergänzen und nicht versuchen, Fähigkeiten, die Menschen gut können und gerne einsetzen, zu übernehmen: Tätigkeiten wie Minenräumen können wir getrost technisch ersetzen. Polizeiroboter, vollautomatisierte Pflege, künstlich intelligente Lehrersysteme etc. halte ich für einen profitorientierten Irrweg. Auch haben m.E. Tier-Technik-Lösungen großes Potenzial, die spezifische Fähigkeiten von Tieren nutzen, z. B.  zur Frühdetektion von Krebszellen. Mit Tieren hat die Gesellschaft etablierte Umgangsformen entwickelt, auf die technische Innovationen aufbauen könnten.

Welche Herausforderungen verbinden Sie mit der Entwicklung neuer Technologien im Bereich der Mensch-Technik-Interaktion?

Die Gesellschaft muss die technischen Innovationen begreifen, mit denen sie durchzogen ist, nicht in dem Sinne, dass jeder sie bauen, warten oder weiterentwickeln können müsste, wohl aber dahingehend, dass ein mündiges Verhältnis gegenüber technisierten Lebenswelten möglich wird, in dem die Menschen fähig sind zu verstehen, was sie tun, was Technik mit ihnen tut und was andere mit ihnen mittels Technik tun. Eine große Herausforderung ist die Überwindung der „Jahrhundertlüge der Technik“, d. h. ihr Zeitversprechen durch Effizienz. Die Lüge, oder der Selbstbetrug, besteht darin, dass technische Effizienzgewinne bisher statt der versprochenen Zeitverfügbarkeit zu einer Aufgabenverdichtung geführt haben und sich so ein Zeit-Rebound-Effekt aktualisiert. Klarerweise können effizientere Systeme hier nicht die Lösung sein.

Welche Chancen verbinden Sie mit der Entwicklung neuer Technologien im Bereich der Mensch-Technik-Interaktion?

Die große Chance besteht meines Erachtens darin, endlich einmal von den vielen Vorteilen neuer Technologien profitieren zu können, ohne die gewonnene Zeit, Aufmerksamkeit und Energie wiederum auf deren Bedienung, Absicherung, Wartung, auf Schadenskompensation und Risikoeindämmung aufwenden zu müssen. Dazu brauchen wir Technik, die anspruchslos im Hintergrund funktionieren kann, sich aber auf Nachfrage selbst erklärt und Transparenz herstellt. Wir brauchen aber auch Diskussionen, in welchen Bereichen besonders Low-Tech und No-Tech Lösungen insgesamt sinnvoller sind: Technik ist kein Selbstzweck. Die Forschungsperspektive der MTI bietet gute Chancen, zu zukünftigen soziotechnischen Lösungen zu gelangen, die Mensch und Technik in ihrer Komplexität und ihrem komplexen Wechselverhältnis gerecht werden.

Vervollständigen Sie den folgenden Satz:

Technik muss..... die Menschen bedienen, nicht umgekehrt; sie muss befähigen und ermöglichen, nicht entmündigen und ersetzen.