Interview mit Elisabeth Schauermann: Ein demokratisches Verständnis des digitalen Raums erarbeiten

Elisabeth Schauermann von der Gesellschaft für Informatik (GI) erzählt im Interview vom Aufbau des Netzwerks „Digitale Souveränität“, das die Projekte der BMBF-Fördermaßnahme „Mensch-Technik-Interaktion für digitale Souveränität“ (DISO) während ihrer Laufzeit begleitet.

Elisabeth Schauermann © Gesellschaft für Informatik (GI)

Elisabeth Schauermann ist Referentin für Politik und Kommunikation bei der Gesellschaft für Informatik e.V. (GI) und verantwortet in ihrer Tätigkeit vornehmlich die Themenbereiche digitale Souveränität, Internet Governance und Chancengerechtigkeit. Sie koordiniert auf Seiten der GI das Netzwerk Digitale Souveränität.

Derzeit starten zehn Projekte im Rahmen der BMBF-Fördermaßnahme DISO in ihre dreijährige Laufzeit. Ihr gemeinsames Ziel: Nutzerinnen und Nutzer digitaler Systeme und Dienste dazu befähigen, mit der Erfassung, Verarbeitung und Weitergabe ihrer persönlichen Daten reflektierter umzugehen. Ein Projekt baut flankierend das künftige Netzwerk „Digitale Souveränität“ auf – welches u.a. die interdisziplinären Forschungsvorhaben während ihrer Laufzeit in punkto Wissenstransfer, Partizipation und Öffentlichkeitsarbeit begleitet. Geleitet wird das Netzwerk durch die Gesellschaft für Informatik (GI) in Berlin und die allgemeinnützige Organisation AlgorithmWatch.

Elisabeth Schauermann von der GI erklärt im Interview ihre Vision.

Das Netzwerk „Digitale Souveränität“ steht in den Startlöchern. Welche Aufgaben werden bei Ihnen im Netzwerk künftig auf der Tagesordnung stehen?

Im Netzwerk wollen wir in mehrere Richtungen wirken. Einerseits geht es natürlich darum, die zehn Projekte in der Fördermaßnahme nachhaltig zu vernetzen. Uns ist es ein Anliegen, da sehr bedarfsorientiert zu agieren. Es gibt viele Themen, die für alle Forschungsvorhaben von Interesse sind, zum Beispiel wie Nutzerinnen und Nutzer eingebunden werden oder wie die zu entwickelnden Lösungen Konzepte wie „privacy by design“ und „ethics by design“ integrieren können. Dahingehend werden wir regelmäßige Formate für Wissens-und Erfahrungsaustausch anbieten. Ein weiterer Teil unserer Arbeit zielt darauf, das Netzwerk und das Thema in Fachcommunities und der interessierten Öffentlichkeit als Anlaufstelle zu etablieren. Die Expertise zu den verschiedensten Fachgebieten, die im Netzwerk vertreten ist, soll natürlich nicht innerhalb der Bubble bleiben, sondern über den gesamten Zeitraum auch in wissenschaftlichen, zivilgesellschaftlichen und politischen Foren vertreten sein. Deshalb werden wir künftig sowohl klassische Medienarbeit leisten, als auch Formate und Ressourcen für unterschiedliche Stakeholder erarbeiten, mit denen wir dann bei Veranstaltungen und in der externen Vernetzung sichtbar werden. Wir holen uns dabei Ideen und Input im Austausch mit einem Beirat von Expertinnen und Experten, den wir in den kommenden Monaten berufen werden und der als begleitendes Gremium sicherstellen soll, dass wir in unseren Aktivitäten holistisch und im Dienst der Sache agieren. Im Laufe der kommenden Jahre werden wir außerdem Initiativen und Anwendungen auszeichnen, die Mensch-Technik-Interaktion für digitale Souveränität bereits beispielgebend möglich machen und wir werden in einer Studie erheben, wie Nutzerinnen und Nutzer Technik bereits nutzen oder nutzen wollen, um sich souveräner im digitalen Raum bewegen zu können. Unsere Aufgaben sind also vielseitig und beinhalten Netzwerkaufbau und -pflege, Themenentwicklung, Öffentlichkeitsarbeit und vieles mehr. Ich kann für mich und, ich denke, auch meine Kolleginnen und Kollegen sprechen, wenn ich sage, dass das den besonderen Reiz ausmacht, das Netzwerk zu gestalten.

Digitale Souveränität ist in aller Munde. Wie definieren Sie im Netzwerk und im Rahmen der Fördermaßnahme DISO die Begrifflichkeit und warum sind die Forschung und Initiativen auf diesem Gebiet für Sie persönlich und für das Leben in der Gesellschaft so wichtig?

Digitale Souveränität ist ja nun ein Begriff, der für verschiedene Aspekte der Digitalität verwendet wird und deshalb manchmal etwas unscharf wird. Manchmal wird die Unabhängigkeit des Wirtschaftsstandorts gemeint, manchmal geht es um Infrastruktur, manchmal sprechen wir Deutungshoheiten in der digitalen Transformation an. Alles davon ist ohne Zweifel wichtig und hängt in einem größeren Kontext auch zusammen, wir wollen jedoch ganz klar hervorheben, dass sich das Netzwerk und alle Projekte darin mit dem Themenkomplex der Mensch-Technik-Interaktion beschäftigen und die Möglichkeiten für die Steigerung von digitalen Kompetenzen, data literacy und Nutzerzentrierung im Blick haben – etwas das sich am ehesten mit individueller digitaler Souveränität benennen lässt, auch wenn das natürlich auch Gruppen und die Gesellschaft als Ganzes betrifft. Wir werden uns deshalb mit unseren Kolleginnen und Kollegen bei AlgorithmWatch auch nochmal damit beschäftigen, wie wir das Netzwerk treffend benennen und kommunizieren können, um möglichst präzise zu sein.

Das ist aus meiner Sicht besonders relevant für uns alle, da es im Kern darum geht, wie wir Menschen ermächtigen können, in einer zunehmend digitalisierten Welt gleichberechtigt teilnehmen zu können und Kontrolle über die eigenen Daten zu behalten. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Ziel, dass wir keine digitale Zwei-Klassen-Gesellschaft erzeugen, in denen manche das Wissen und die Kompetenzen haben, gestaltend zu wirken, wohingegen andere davon ausgeschlossen werden. Das Netzwerk und die in den Projekten zu erforschenden Lösungen sollen also dazu beitragen, das digitale Leben von Nutzerinnen und Nutzern zu erleichtern und durchschaubarer zu machen, besonders in Fällen, wo es um unsere sensiblen persönlichen Daten geht.

Was ist Ihre Mission für das Netzwerk „Digitale Souveränität“ und was wird der erste wichtige Meilenstein auf dem Weg dorthin sein?

Unsere Mission ist es, sichtbar zu machen, welche Möglichkeiten und Ansätze in der Mensch-Technik-Interaktion existieren bzw. entwickelt werden und verschiedene Stakeholder dafür zu sensibilisieren, dass digitale Souveränität auch ganz stark mit der Ermächtigung von Nutzerinnen und Nutzern von digitalen Anwendungen zu tun hat – das betrifft inzwischen fast alle Menschen und ist ein relevantes Ziel, das wir aber nur gemeinsam erreichen können. Es wäre zu kurz gedacht, dass die Wissenschaft oder die Politik sich einzeln damit beschäftigen, sondern wir brauchen auch Entwicklerinnen und Entwickler, Anbieter und Hersteller und natürlich die Zivilgesellschaft als Teil des Diskurses. Unser erster Meilenstein, neben der bereits beschriebenen Netzwerkarbeit, wird es sein, einen virtuellen Monitor zu erarbeiten, auf dem verschiedene Projekte und Lösungen an einem Ort auffindbar werden. Der Monitor soll über die nächsten Jahre kontinuierlich wachsen und es so ermöglichen, immer den letzten Stand abzubilden.

Und in weiterer Zukunft? Was ist Ihre Vision von Digitaler Souveränität in 10 UND in 50 Jahren?

Meine persönliche Vision ist schon, dass wir uns ein demokratisches Verständnis des digitalen Raums erarbeiten, das die gesamte Gesellschaft mitnimmt. Daran leisten wir als Netzwerk natürlich nur einen Beitrag von vielen, aber ich denke, dass vor allem in den nächsten zehn Jahren an vielen Stellen sichtbar werden wird, wie entscheidend es ist, dass wir verstehen, wie wir uns in der digitalisierten Welt bewegen können und was mit unseren Daten passiert. Da wird weitere politische und gesellschaftliche Fragestellungen aufwerfen rund um Bildung, Regulierung, Machtverhältnisse und Empowerment. Ich hoffe, dass wir in Deutschland und in Europa zukünftig vorbildgebend sein können – die DSGVO war da ein regulatorischer Schritt in die richtige Richtung und wurde weltweit rezipiert. Jetzt und zukünftig geht es um die konkrete Umsetzung der darin verankerten Werte: Transparenz, Nachvollziehbarkeit und der Schutz personenbezogener Daten in einer datafizierten Zukunft.

Weitere Informationen:

Förderbekanntmachung „Mensch-Technik-Interaktion für Digitale Souveränität“