Interview mit Marlene Klemm: VR-Brillen in der Pflege - mit Spielen dem Alltag entfliehen

Marlene Klemm ist Leiterin des Pflegepraxiszentrums Nürnberg (PPZ), einesVerbundes aus drei pflegepraktischen Einrichtungen.

 

© NürnbergStift/Pflegepraxiszentrum Nürnberg

Das Pflegepraxiszentrum Nürnberg (PPZ Nürnberg) prüft die Relevanz technischer Innovationen für den Pflegealltag. Im direkten Austausch mit den künftigen Anwenderinnen und Anwendern in einer der beteiligten Pflegeeinrichtungen testet das PPZ Nürnberg derzeit eine VR-Brille, mit der Seniorinnen und Senioren ihren Alltag spielerisch bereichern können. Im Interview erläuterte uns Marlene Klemm, die Leiterin des PPZ Nürnberg, wie neuartige Mobilisierungs-Konzepte, die speziell auf ältere Menschen abgestimmt sind, einen Mehrwert für die Pflege bieten können.

Frau Klemm, Sie sind Leiterin des Pflegepraxiszentrums Nürnberg (PPZ). Wie würden Sie die Einrichtung und deren Ziele beschreiben?

Das Pflegepraxiszentrum (PPZ) Nürnberg ist ein Verbund aus drei pflegepraktischen Einrichtungen – Klinikum Nürnberg, NürnbergStift und Diakoneo. Hinzu kommen zwei Hochschulen und ein Netzwerkverbund aus dem Gesundheitsbereich. Unser Ziel ist der Transfer von technischen Innovationen in die pflegebezogene Anwendung. Wir möchten Technik erlebbar machen, nicht nur für pflegebedürftige Menschen, sondern auch für deren Pflegekräfte. Außerdem versuchen wir Hersteller dabei zu unterstützen, ihre Produkte von Anfang an so zu gestalten, dass sie die Lebensqualität von Nutzerinnen und Nutzern verbessern, Pflegekräfte entlasten und sich deshalb auf dem Markt einer hohen Akzeptanz erfreuen.

Gemeinsam mit Seniorinnen und Senioren testet das PPZ Nürnberg VR-Spiele, die unter anderem bei der Verbesserung von motorischen Fähigkeiten helfen. © © NürnbergStift/Pflegepraxiszentrum Nürnberg

Warum werden VR-Technologien in der sozialen Betreuung eingesetzt?

In erster Linie bereitet der Einsatz von VR-Technologie den Bewohnerinnen und Bewohnern große Freude. Abgesehen vom Spaßfaktor hat die Technologie aber auch einen medizinischen Nutzen: Beim Spielen werden kognitive und motorische Fähigkeiten trainiert. Die Spiele sind so konzipiert, dass bestimmte Bewegungsabläufe gezielt stimuliert werden können. Oft merken die älteren Menschen dabei nicht, dass sie ihre einseitigen Bewegungsmuster überwinden und körperlich viel vitaler sind als sie ursprünglich geglaubt hatten. Ein positiver Nebeneffekt der Spiele ist zudem, dass sie die Kommunikation fördert. Die Technologie ist derart exotisch, dass sie für Gesprächsstoff sorgt: Der Austausch über absolvierte Spiele und die Vorfreude auf den nächsten Spieletag belebt die Einrichtungen auch abseits der Spielsessions.

Was genau wird gespielt?

Es gibt bisher ein Spiel, das eigens für Seniorinnen und Senioren entwickelt wurde. Das Szenario ist ein Jahrmarkt mit mehreren Spielebuden. In diesen Buden finden unterschiedliche Spiele statt, die wiederum verschiedene Fähigkeiten trainieren können: Bei „Hau den Maulwurf“ kommen beispielsweise kleine Maulwürfe aus der Versenkung und müssen mit der Hand zurückgeschubst werden – ein klassisches Spiel, mit der die Motorik trainiert werden kann. Bei dem Spiel „Am laufenden Band“ werden hingegen kognitive Fähigkeiten angesprochen. Dort müssen sich die Spielerinnen und Spieler Objekte merken und diese dann anschließend in einem Regal wiederfinden. Die Spielsequenzen können auf unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen dem spielerischen Können angepasst werden.

Welche Aspekte müssen beim Einsatz von digitalen Technologien im Pflegealltag bedacht werden?

Die höchste Priorität ist immer das Patientenwohl. Bei allem was wir tun, müssen wir dafür Sorge tragen, dass die Qualität der Pflege nicht leidet. Das bedeutet auch, dass Einverständniserklärungen eingeholt werden müssen – von den Bewohnerinnen und Bewohnern selbst, oder von deren Betreuungspersonen oder Angehörigen. Bei den Spielen achten wir z.B. darauf, dass niemals allein gespielt wird, sondern immer mit einer Betreuungsperson, die während des Spiels für Sicherheit sorgt und Hilfestellungen gibt. Aber auch technische Aspekte spielen eine Rolle: Das System muss fehlerfrei laufen. Dazu gehört auch, dass die Betreuungspersonen wissen, was bei möglichen Fehlfunktionen zu tun ist.

Wie gut klappt die Anwendung im Pflegealltag – welche Stolpersteine gibt es in der Praxis?

Ein Stolperstein, den es bei der Verwendung von VR-Technologien grundsätzlich zu bedenken gilt, ist die sogenannte Motion Sickness. Der Begriff beschreibt eine Art Unwohlsein, das auftreten kann, wenn die Augen eine Bewegung verfolgen, die der Körper aber nicht selbst ausführt. Einige Menschen sind hierfür sehr anfällig und reagieren mit Schwindelgefühlen oder Übelkeit. Es wurde daher bereits bei der Entwicklung des Spiels darauf geachtet, dass auf Spielelemente, die Motion Sickness hervorrufen können, verzichtet wird. Mit Erfolg, denn wir hatten tatsächlich kaum Probleme mit solch einem Unwohlsein bei den spielenden Bewohnern.

Welche anderen digitalen Technologien könnten Sie sich perspektivisch in der Pflege vorstellen?

Ich bin überzeugt, dass es noch viele Technologien gibt, die für die Pflege interessant sein könnten. Viele dieser Technologien schauen wir uns im PPZ Nürnberg in unterschiedlichen Umgebungen an. Dank unserer drei Praxispartner können wir beispielsweise klinische, ambulante oder stationäre Settings anbieten, aber auch solche für die geriatrische Rehabilitation und für die Arbeit mit Menschen mit Demenz. Einen Schwerpunkt sehen wir derzeit im Bereich Sensorik. Hier geht es unter anderem um Sturzerkennung oder um intelligente Trinkbecher, die zum Trinken animieren oder um das Thema Dekubitusprophylaxe.

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PPZ Nürnberg

Cluster Zukunft der Pflege