Interview mit Prof. Dr.-Ing. Klaus Henning, RWTH Aachen

Prof. Dr.-Ing. Klaus Henning arbeitet beim Kybernetik Cluster der RWTH Aachen als Senior-Berater.

Portrait Klaus Henning
Prof. Dr.-Ing. Klaus Henning© Michael Lüder - VDI/VDE-IT

Was fasziniert Sie an dem Forschungsfeld der Mensch-Technik-Interaktion besonders?

Mich fasziniert vor allem die Geschwindigkeit, mit der die Mensch-Technik-Interaktion unter dem Einfluss der digitalen Transformation nach und nach in alle Lebens- und Arbeitsbereiche vordringt, und dabei nicht nur technische Fragen aufwirft, sondern ethische und gesellschaftspolitische Anforderungen von morgen ebenso auf den Prüfstand stellt.

Woran forschen/arbeiten Sie gerade im Bereich der Mensch-Technik-Interaktion?

Meine besondere Aufmerksamkeit gilt den sogenannten „digitalen Schatten“, die uns ebenso wie die Maschinen in Zukunft als intelligenter Partner begleiten werden. Durch ihre Lernfähigkeit – u. a. durch eine Rückkoppelung von neuronalen Netzen und Big-Data-Technologien – werden diese Schatten in der Lage sein, lebenslang zu lernen und sich selbstständig weiterzuentwickeln. Unsere Aufgabe muss daher sein, die Interaktionen zwischen Mensch und Maschine, zwischen Menschen und ihren digitalen Schatten sowie zwischen Menschen und der digitalen Schatten von Maschinen zu untersuchen und völlig neu zu bewerten.

Welche Innovationen der Mensch-Technik-Interaktion nutzen Sie persönlich?

Ich nutze natürlich die ersten Anfänge der digitalen Schatten: Das sind mein Smartphone mit ca. 50 Apps, die ich selbstverständlich regelmäßig nutze, mein Tablet  für Vorträge und zum besseren Lesen von Dokumenten sowie mein Notebook, obwohl es mir eigentlich viel zu langsam ist. Alles ist ständig über VPN mit den relevanten Datenablagen im Büro online vernetzt. Hinzu kommen Anwendungen wie Skype, webEx, TeamViewer, der Sprachbegleiter LEO.org, den ich nahezu täglich nutze, und diverse Social Media-Kanäle wie WhatsApp, Facebook, Twitter und Xing. Richtig aktiv bin ich allerdings nur bei WhatsApp und bei Swiss Mobile mit den online 1:25000 Wanderkarten inkl. GPS Ortung. Und nicht zu vergessen: Ich fahre bereits seit acht Jahren ein Auto, das mit einem automatischen Abstandsradar ausgestattet ist, den ich für ca. 70 Prozent aller gefahrenen Straßenkilometer nutze – auch im Stadtverkehr. Allerdings wünsche ich mir manchmal, dass mein Auto ein bisschen intelligenter wäre...

Welche sozialen und technologischen Innovationen braucht unsere Gesellschaft im Jahr 2050?

In Zeiten hochautomatisierter Netzwerke und digitaler Schatten müssen wir gesellschaftsübergreifend daran arbeiten, eine neue „Kultur der Grenzen“ zu etablieren. Vor allem die Schutzfunktionen von Grenzen müssen neu gedacht werden. Denn: Unsere bisherigen Modelle werden in einer digitalisierten Welt nicht mehr greifen. Nicht nur die Grenzen – oder anders gesprochen: die Leitplanken – für das direkte Zusammenspiel von Mensch und Maschine müssen neu ausgelotet werden, sondern das gesamte System von Mensch und Maschine mit seiner Vielzahl an digitalen Schatten – und das in seiner ganzen Komplexität. Dieses System zu verstehen, zu erfassen und am Ende im Sinne der Menschen neu zu formen, fällt nicht zuletzt in den Gestaltungsraum politischer Systeme. Hier braucht es dringend neue Impulse und Ideen.

Welche Herausforderungen verbinden Sie mit der Entwicklung neuer Technologien im Bereich der Mensch-Technik-Interaktion?

Eine der größten Herausforderung sehe ich darin, dass sich digitale Schatten in absehbarer Zeit zu persönlichen digitalen Assistenten entwickeln, die miteinander kommunizieren und gemeinsam einen Lernprozess gestalten – und das komplett autonom, ohne dass hier der Mensch oder die Maschine kontrollierend eingreifen können. Ich halte es sogar für sehr wahrscheinlich, dass die maschinellen Netzwerke ein eigenes Bewusstsein ausbilden, das sie befähigt, über ein komplexes Interaktionsgeflecht mit den digitalen Schatten der Menschen in Kontakt zu treten. Nur: Wer wird in diesem Geflecht die Regeln bestimmen? Werden Maschinen über Menschen herrschen? Wird der Mensch die Mensch-Technik-Interaktion in Zukunft überhaupt noch kontrollieren können? Das werden die Fragen sein, mit denen wir uns verstärkt beschäftigen müssen.

Welche Chancen verbinden Sie mit der Entwicklung neuer Technologien im Bereich der Mensch-Technik-Interaktion?

Das Vordringen immer intelligenterer Anwendungen in unseren Alltag  – vom Auto über das intelligente Haus bis hin zur digitalen Gesundheitsüberwachung oder dem automatisierten Meldebüro –  ist eine enorme Chance, unsere Gesellschaft und den sozialen Zusammenhalt neu zu gestalten. Damit eng verknüpft ist auch die Möglichkeit, völlig neue Lebensstile zu entwickeln. Das alles kann uns aber nur gelingen, wenn wir die Mensch-Technik-Interaktion nicht nur als eine technische, sondern vor allem als eine vollkommen neuartige soziale und politische Herausforderung begreifen.

Vervollständigen Sie den folgenden Satz.

Technik muss... von Menschenhand gestaltet werden, auch in Zukunft. Nur ein radikales Umdenken in der Mensch-Technik-Interaktion kann uns helfen, die absehbare Intelligenz der digitalen Schatten sinnvoll einzugrenzen.