Interview mit Prof. Dr. Stefan Selke: Wenn Daten gegen Lebenschancen getauscht werden

Warum Prof. Dr. Stefan Selke sich „Ethik made in Germany“ als Exportschlager wünscht

Stefan Selke
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Prof. Dr. Stefan Selke forscht an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Furtwangen. Das Interview wurde im Mai 2019 geführt.

Sehen Sie die Entwicklung unserer Gesellschaft eher in Richtung Utopie oder Dystopie?

Im Verhältnis zu den Utopien, die wir in den 60er Jahren und auch zur Jahrhundertwende hatten, existieren heute keine Utopien mehr. Wir erleben heute eher Fortschreibungen von Standardwelten. Ich nenne das „weichgespülte Utopien“. Bei der Lebensreformbewegung um 1900 haben die Menschen sich sehr stark über gesellschaftsverändernde Entwicklungen Gedanken gemacht. Da ging es darum wie man eine gesamte Gesellschaft progressiv umbauen kann, bis hinein in die Sprache, den Umbau der Geschlechter- Lebens- und Ernährungsverhältnisse - sehr tief hinein bis in die DNA der Gesellschaft. In den 60er Jahren war das mit der Hippie-Bewegung ähnlich. In den 70er Jahren sind solche Ideen mit der Einführung von Computern und High-Tech immer mehr in den Hintergrund getreten. Heute sprechen wir höchstens noch von sozialen Innovationen. Die Fallhöhe ist hier extrem gering.  Eine bestehende Gesellschaft soll noch ein bisschen besser gemacht werden. Da passt der Begriff Utopie eigentlich nicht mehr. Eine Utopie ist ein Sehnsuchtsort für eine bessere Gesellschaft, die noch nicht verwirklicht ist. Diese Fallhöhe sehe ich in der aktuellen Debatte überhaupt nicht mehr. Heute geht es eher um ökonomische und politische Interessen, mit einer Utopie hat das nichts zu tun.

Welchen Einfluss hat Technologie auf unsere Gesellschaft?

Noch nie in der Vergangenheit hat eine Technologie die Gesellschaft grundlegend verändert. Es sind immer Menschen – in Gruppen und sozialen Systemen -, die Gesellschaft verändern. Es waren immer Menschen mit verschiedenen Bedürfnissen, die sich darüber Gedanken gemacht haben wie sie zusammen leben wollen. Daraus entstehen Lösungsvorschläge. Diese Vorschläge können technisch sein, müssen es aber im Grunde nicht. Typisch für unsere Zeit ist, dass außer-technische Lösungsansätze nicht mehr genug Beachtung finden. Stattdessen wird davon ausgegangen, dass Technologie etwas leisten kann, was eigentlich ein gesellschaftlicher Aushandlungsprozess ist. Aushandlungsprozesse sind aber eigentlich demokratisch – genau dieses Element fehlt in der aktuellen „Implementierung“ von Technologien. Sie werden den Menschen einfach übergestülpt. Der Glaube daran, dass Technologieentwickler wissen, was gut für die Menschen ist, halte ich schlichtweg für naiv, undemokratisch und auch ein Stück weit gefährlich. Wir verschieben die Begründungslast für ein gutes Leben auf die technische Seite, weg von der kommunikativen und partizipatorischen Seite. Man könnte sagen, das ist ein Ausdruck von einer Infantilisierung der Gesellschaft, die Abgabe der Verantwortung. Technologie an sich ist relativ bedeutungslos wenn es nicht ein gesellschaftliches Gesamtkonzept oder einen Orientierungsrahmen dazu gibt, in den diese Technologie quasi als Bild passt. Und wenn man das auf den Kopf stellt und versucht aus der Technologie ein gesellschaftliches Zukunftskonzept heraus zu schütteln, dann kommt nicht das dabei heraus was Menschen wirklich brauchen.

Wieviel Technik benutzen Sie in ihrem persönlichen Leben?

Das verändert sich stetig. Eine Zeit lang habe ich zum Beispiel intensiv Emails auf meinem Smartphone gelesen. Vor drei Jahren habe ich etwas verstellt und dann gemerkt, dass es auch ohne geht. Jetzt lese ich die Emails nur noch abends zum Beispiel im Hotelzimmer und fühle mich sehr viel besser damit. Da hat mir die Technologie sozusagen geholfen mich von der Technologie zu befreien! In anderen Lebensbereichen benutze ich aber sehr viel High-Tech. Ich bin Segelflieger und mein Flugzeug ist vollgestopft mit digitalen Technologien. Das führt dazu sicherer zu fliegen und das möchte ich nicht missen. Mein erstes Handy habe ich mir tatsächlich gekauft, weil es mir beim Segelfliegen die Sicherheit gibt jederzeit Hilfe rufen zu können. Aber das ist lange her…

Wie ist Ihre Einstellung zu sozialen Medien?

Ich glaube das ist der Bereich digitaler Technologien, der sich am ehesten selbst regelt. Es gibt schon wieder rückläufige Zahlen bei Facebook, die nächste Generation wird sozialen Netzwerken gegenüber kritischer. Es gibt Varianz und Aufklärung und ich glaube das fruchtet langsam. Es gibt natürlich auch viele Vorteile von sozialen Netzwerken. Menschen können zusammen finden, die früher nie zusammen gefunden hätten, aufgrund von religiösen oder sexuellen Orientierungen. Viele Dinge sind möglich geworden, die wir zivilisatorisch nicht missen wollen. Aber man muss Grenzen erkennen und sagen, bis hierhin und nicht weiter. Nicht jede Möglichkeit verpflichtet zu ihrer Nutzung. Außerdem glaube ich, dass auch viel heiße Luft in der Diskussion über soziale Netzwerke ist. Meine Studierenden können zum Beispiel sehr genau unterscheiden zwischen der realen Welt und ihren virtuellen Freunden bei Facebook und Co.

Wie schätzen Sie den Einfluss der Digitalisierung auf die Demokratie ein?

Wenn man versucht eine smarte Form von Demokratie als eine bessere zu verkaufen finde ich das kritisch. Es ist unglaublich wichtig, dass Menschen physisch zusammen sind, dass sie sich riechen oder auch nicht riechen können, dass sie Demokratie persönlich erleben und Ziele aushandeln. Das sollte nicht auf eine Klickfunktion reduziert werden. Man kann vielleicht bestimmte Prozesse komfortabler machen, aber diesen Bewusstwerdungs- und Aushandlungsprozess auf das rein Technische zu reduzieren halte ich für sehr oberflächlich. Wenn ich lange genug versuche einen Wert technologisch zu repräsentieren, dann verändert sich nicht nur die Mensch-Technik-Interaktion, sondern es verändert sich auch der zugrunde liegende Wert. Wir interpretieren dann Demokratie um, weil wir sie rein auf technischer Basis behandeln und erleben. Und je mehr diese Technologien in diese Prozesse eindringen, desto mehr verändern sie eigentlich die zugrunde liegenden Werte und Haltungen. Das ist ein schleichender Prozess. Deshalb wird die nächste Generation schon etwas ganz anderes über Demokratie denken und ganz andere Dinge als Demokratie ansehen.

Welche Technologien sollten ihrer Meinung nach reguliert werden?

Wenn Technologien dazu führen, dass Menschen private Daten erzeugen müssen, zum Beispiel Gesundheits- oder Leistungsdaten, und diese Daten abgeben müssen, um bestimmte Zugänge zu Bildung oder Gesundheitsversorgung zu erhalten, werden für mich ethische Grenzen überschritten. Wenn dieser Ablauf zum Standardprozess wird bedeutet es das Gegenteil von Souveränität, dann bedeutet es, dass Menschen Daten gegen Lebenschancen tauschen und so diskriminiert werden. Wer Daten hat und liefert, erhält im Gegenzug Ressourcen. Wer keine Daten hat oder liefert, wird ausgeschlossen. Das Ganze wird aber verpackt in die Idee des rationalen Handelns, weil es sich um vermeintlich objektive Daten handelt, die rational messen ob sich jemand gesund ernährt oder präventiv verhält. Wir glauben also das Richtige zu tun, eigentlich schließen wir aber Menschen aus. Das ist das Gegenteil von Technik, die zu sozialer Teilhabe führt.Ich habe versucht für solche Vorgänge den Begriff der rationalen Diskriminierung zu prägen.

Können Sie ein Beispiel für eine rationale Diskriminierung geben?

Ich habe ein Projekt gestartet zu „pay as you live“-Tarifen von Krankenkassen. Die ersten Krankenkassen in Deutschland haben Modelle eingeführt, bei denen Gesundheitsdaten von einer dritten Instanz zu einem Gesundheitsscore verdichtet werden. Wenn Menschen sich präventiv verhalten bekommen sie einen Bonus. Wieder sind Daten an Chancen gekuppelt. Das Argument ist, dass auf diese Weise präventives Verhalten gefördert werden soll und es sich nur um Belohnungen und keine Bestrafungen handelt. Aber es ist nur eine Frage der Zeit bis diese Prozesse umgedreht werden und der normative Druck auf Leute steigt, sich anders zu verhalten. Die Begründungslast wird durch solche datengetriebenen Angebote umgedreht und das ist das Gefährliche. Auf diesem Weg wird nämlich das Grundgefüge der Zwischenmenschlichkeit verändert. Und diese Veränderung würde ich mit rationaler Diskriminierung beschreiben.

Wo sehen Sie Gefahren der Technik-Entwicklung?

Gefährlich finde ich den Glauben, dass wir eine Aufholjagd gewinnen müssen. Bestimmte Bereiche der technologischen Entwicklung werden als eine Schutzzone betrachtet, wo es nicht darum geht, den Mensch in den Mittelpunkt zu stellen. Der Mensch und die Grundrechte stehen da eher im Weg. Ich habe für das BMBF eine Studie geschrieben zu Big Data und es war erschütternd, dass eigentlich niemand von den befragten Experten zu Big Data noch den Eindruck hat, dass das Grundgesetz und speziell die Würde des Menschen wirklich der Referenzpunkt für Technik-Entwicklung ist. Stattdessen wird dazu aufgerufen alles auszuprobieren, mit dem Argument: wenn wir es nicht machen, dann machen es die anderen. Diese Getriebenheit führt dazu, dass nicht mehr nachgedacht wird. So entstehen ethische Freihandelszonen und dazu darf es meiner Meinung nach nicht kommen. Im Gegenteil wäre es wünschenswert wenn „Ethik made in Germany“ zum Exportschlager würde. Das wäre für mich eine Formel, um selbstbewusst und souverän in die digitale Zukunft zu gehen.